Trotz der vielen Jahren Friedens und Wohlstand in Europa, leben die Menschen in unseren westlichen Gesellschaften offenbar in sehr fordernden Zeiten. Wie sonst ist der dramatische Anstieg an Krankschreibungen aufgrund psychischer Leiden zu erklären? Dabei ist die Ursachensuche schwer, zwar wissen wir, dass immer mehr Menschen wegen Depressionen oder Anpassungsstörungen zeitweilig aus dem Erwerbsleben ausfallen – aber nicht warum die Anzahl der Fälle immer weiter steigt.

Vielleicht ist eine Gesellschaft, die privat und beruflich immer mehr Leistung von ihren Mitgliedern fordert. Die begrüßenswerte Aufweichung der traditionellen Rollenbilder in der Familie und dem Berufsleben hat eine steigende Belastung für alle zur Folge. Zusätzlich zu den immer neu auszuhandelnden Zuständigkeiten, müssen sich Männer und Frauen immer wieder neu in ihrer Identität erfinden und versichern.

Da erscheint es wenig verwunderlich, dass gerade in dieser Zeit, eine uralte Kulturpflanze ein kaum dagewesenes Revival erlebt: Die Hanfpflanze. Lies hier mehr über die vielen verschiedenen Wirkungsweisen von CBD.

Cannabis-Konsum und gesellschaftliche Akzeptanz steigen

Während in Kanada und einigen Bundesstaaten der USA Cannabis komplett legalisiert worden ist, darf in Deutschland herkömmliches Cannabis nicht konsumiert werden. Weil aber speziell gezüchtetes Cannabis mit einem THC-Anteil von weniger 0,2 Prozent in Deutschland legal ist, entstand ein gewaltiger Hype um das sagenumwobene CBD. Die Abkürzung steht für Cannabidiol, das als harmloser Verwandter des THC dargestellt wird. Tatsächlich ist CBD allem Anschein nach nicht nur vollkommen harmlos, sondern sogar gesund. Intensiv wird an Medikamenten auf Cannabis und CBD-Basis geforscht und während CBD-Samen, CBD-Mehl und CBD-Öl in Drogerien und Reformhäusern gibt, ist CBD-Gras online vollkommen unkompliziert erhältlich.

Mit dem CBD-Hype steigt natürlich auch die gesellschaftliche Akzeptanz von Cannabis in seiner konventionellen Form. So gehört Cannabis wieder in den versteckten Ecken der Schulhöfe und Studenten-WGs wie selbstverständlich zum Alltag. Auch bei einer ganz unerwarteten Personengruppe steigt der Konsum von Cannabis, nämlich unter den 45 bis 65-jährigen. Auch unter denen, die in diesem Alter nicht Cannabis aus medizinischen Gründen nehmen, steigt der Konsum.

Das Interesse an Cannabis geht quer durch die Gesellschaft – von Jugendlichen, die noch ein bisschen vom Hippie-Image träumen möchten über die Young Urban Professionals die Cannabis entweder als Modedroge oder CBD als Nahrungsergänzungsmittel konsumieren oder älteren, die einfach nur Cannabis genießen möchten. Cannabis ist scheinbar in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Aber woran könnte das liegen?

Ist Cannabis ein Gegengift zur Realität?

In der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde Cannabis schon einmal zu einer Modedroge und in Frankreich bildete sich ein Zirkel aus Literaten, Künstler und Wissenschaftler, die während ihrer Treffen mit großer Vorliebe Cannabis konsumierten, indem sie Haschisch kauten. Daher stammte auch der Name dieser Gruppe, die Hashashins. Unter diesen Hashashins war auch der Schriftsteller Charles Baudelaire.

Er verfasste blumige Erzählungen über seine Erfahrungen mit dem Cannabis und wie er seinen Rausch erfuhr. „Zuerst befällt dich eine gewisse lächerliche, unwiderstehliche Heiterkeit (…) derer du dich beinahe schämst…“ ist in seinen Essays über das Cannabis zu finden.

Die Konsumenten von Cannabis erzählen allesamt davon, wie viel angenehmer und unkomplizierter ihnen die Welt erscheint, während Kleinigkeiten des Alltags mit einem Mal unglaublich interessant scheinen. Dieses große Interesse an buchstäblich allem, was dem Berauschten im Alltag begegnet ist dabei nur von kurzer Dauer, die Aufmerksamkeitsspanne ist sehr kurz.

Dieselben Erfahrungen machen auch die Konsumenten von Cannabis heute, fast 200 Jahre später. Am schönsten, so ein Konsument, sei der Rausch, wenn nichts konkretes mehr zu tun sei. Dann könne man sich ganz dem Rausch hingeben. Und ohnehin, im Cannabis-Rausch etwas Konkretes abzuarbeiten sei buchstäblich unmöglich. Aber liegt darin nicht die Schönheit? Der Alltag wird farbenfroh, spannend interessant, aber es besteht auf einmal nicht mehr die Notwendigkeit sich produktiv mit diesem zu befassen.

Eskapismus mit Cannabis

Dabei nur die negativen Seiten zu betrachten, wäre viel zu kurz gesehen Schließlich ist Eskapismus weder etwas Neues noch etwas grundsätzlich Schlechtes. In der Sehnsucht für eine Zeit dem Alltag zu entfliehen sind schließlich großartige Kunstwerke entstanden.

Als berühmtes Beispiel der jüngeren Kunst- und Literaturgeschichte lohnt sich die Betrachtung des Epos „Der Herr der Ringe.“ Der Autor, J.R.R. Tolkien persönlich erschuf seine „Mittelerde“ ursprünglich aus der Motivation heraus eine Sagen- und Legendenwelt für seine englische Heimat zu erschaffen, rückte von diesem Vorhaben als Philologe ab und schätzte vor allem die Möglichkeiten zur gedanklichen Zerstreuung, die ihm die Arbeit an seiner Trilogie bot. Seine Briefe erzählen davon, wie er in seiner Arbeit am „Herrn der Ringe“ und seinen Geschichte von Mittelerde seinen ganzen Alltagsstress und seinen Frust über eine Welt, in der sich nicht richtig heimisch fühlte, verarbeiten konnte. Das Silmarillion ist eine lose Sammlung von Erzählungen und Geschichten, die in einem mehr oder wenigen konkreten Zusammenhang zum „Herrn der Ringe“ stehen – kein Zeichen konzentrierten Arbeitens.

Zurück zum Cannabis. Wer Cannabis konsumiert entflieht für eine kurze Zeit der Realität. Die Zeit verläuft ganz anders. Heute noch lässt sich das an Aufzeichnungen von Konzerten der Hippie-Bewegung sehen. Bekiffte Musiker auf der Bühne nehmen ihre Instrumente in die Hand und beginnen mit dem ersten Lied in ihrer Setliste. Aus dem Konzert wird auf einmal eine Jam-Session, denn das Lied will gar nicht enden. Ohne es zu bemerken, erzählen die Musiker, spielten sie einfach immer weiter und bemerkten irgendwann, dass aus den fünf Minuten zwei Stunden wurde.

Auch so entsteht Kunst – kein Grund Cannabis als Rauschmittel generell zu verteufeln.

Wo liegen die Gefahren von Cannabis?

Aber entstehen nicht auch Gefahren beim Konsum von Cannabis? Was, wenn immer mehr Menschen sorglos Cannabis konsumieren? Was wenn mehr und mehr Menschen ihre Freizeit im Drogenrausch verbringen? Können sie noch ihr Leben aktiv gestalten? Wollen sie noch an der Gesellschaft teilhaben? Oder verlieren sie jedes Interesse an öffentlichen und gesellschaftlichen Leben?

Ganz seriös kann das natürlich niemand beantworten. Denn seit sehr vielen Jahren hat keine Gesellschaft mehr Erfahrungen mit einem weit verbreiteten Konsum von Cannabis gemacht. Aber bisher konnte niemand schlüssig erläutern, warum eine strenge Drogenpolitik im Fall von Cannabis Sinn machen würde. Schließlich sind Rauschgifte wie Alkohol und Tabak deutlich gesundheitsgefährdender. An Kindern und Jugendliche darf Cannabis natürlich nicht ausgegeben werden, aber das fordert auch niemand.

Weit verbreiteter Konsum von Alkohol kann ganze Gemeinschaften zerstören, wie Studien in strukturell benachteiligten Regionen belegen, in denen Alkoholmissbrauch weit verbreitet ist.

Cannabis ist allen Studien zufolge deutlich harmloser.

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